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Purpose schlägt Gehaltserhöhung:

  • Autorenbild: Leonie Spang
    Leonie Spang
  • 30. März
  • 7 Min. Lesezeit

Was ich beim Entstauben meiner Uni-Unterlagen über moderne Führung gelernt habe.


Weißt du eigentlich, warum deine Teammitglieder bei dir arbeiten und nicht bei der Konkurrenz? Spoiler: Es liegt nicht am obligatorischen Obstkorb, nicht (nur) am Gehalt und auch nicht daran, dass sie deine täglichen Meeting-Marathons so sehr lieben. Der Grund ist viel kraftvoller: Sie spüren, dass ihre Arbeit hier einen echten Unterschied macht.

Das bedeutet aber auch: Klassische Benefits allein reichen heute nicht mehr aus, um Top-Leute zu gewinnen und langfristig zu halten. Es gilt, den „Sinn-Motor“ am Laufen zu halten. Wenn die Antwort auf die Frage „Warum mache ich das hier eigentlich?“ nicht lautet: „Nur wegen der Gehaltsabrechnung“, sondern: „Weil wir gemeinsam etwas aufbauen“, dann hast du einen echten Wettbewerbsvorteil.

Ich glaube, es ist an der Zeit, sich von der alten ökonomischen Sichtweise zu verabschieden, in der Arbeit nur ein notwendiges Übel ist, das irgendwie ausgeglichen werden muss. In wissensintensiven Kontexten sind Mitarbeitende keine austauschbaren Ressourcen, sondern komplexe Problemlöser. Ein glasklarer Purpose wirkt wie die Gezeitenkraft: Er liefert keine punktuelle Energie, sondern einen stetigen, unaufhaltsamen Strom, der das Team mitnimmt statt es anzuschieben.


Ich habe in meiner Rolle als Beraterin häufig  hinter die Kulissen geblickt und immer wieder zwei Phänomene beobachtet: die „Über-den-Zaun-Delegation“ und das “Pflaster-Prinzip”. Beim ersten werfen Vorgesetzte Aufgaben ab, getragen von der stillschweigenden Erwartung, dass diese exakt nach ihren Vorstellungen ausgeführt werden. Ohne dass jemals eine klare Kommunikation stattgefunden hat. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus Frustration. Während Product Manager verzweifeln, weil das Team scheinbar nicht liefert, steht das Team vor Tickets, die nicht nur inhaltliche Lücken aufweisen, sondern denen jegliche Sinnhaftigkeit fehlt. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass sie nie in die Besprechung von Prozessen mit einbezogen werden. Wenn dann die Motivation sinkt, wird oft versucht, hochqualifiziertes Personal durch kurzfristige Finanz-Pflaster  zu halten – also strukturelle Defizite mit Geld zu heilen.


Hinter dieser Beobachtung steht eine klare Erkenntnis: Wir haben es hier mit einem fundamentalen Wissensknoten in der Zusammenarbeit zu tun, der sich durch materielle Anreize nicht auflösen lässt.


Nach einigen Jahren in der Praxis erinnere ich mich heute oft an Themen aus dem Psychologiestudium. Ich glaube, dass psychologische Prinzipien heute mehr denn je den Unterschied zwischen Stillstand und echtem Wachstum machen. Daher habe ich mich in meine Unterlagen aus dem Studium gekniet und zusammengefasst wie ihr Purpose nutzen könnt um euer Team glücklicher und dadurch auch effektiver machen könnt.



Arbeit ohne Sinn fährt ökonomisch gegen die Wand


Die moderne Forschung zeigt, dass Arbeit weit mehr ist als ein Transaktionsgeschäft. Sie ist eine zentrale Quelle für die sogenannte Eudaimonia – das Erreichen des eigenen Potenzials und der persönlichen Entwicklung. Wenn Menschen den Impact ihrer Aufgabe im Gesamtprozess nicht erkennen, ist nicht nur mit dem Verlust ihres “Herzblutes” zu rechnen, sondern mit dem Verlust baren Geldes durch sinkende Produktivität und steigende Fluktuation. 


Wie Prozess-Transparenz als kognitiver Produktivitätstreiber wirkt


Teamleads, Process Owner oder Manager haben in meinen Augen die primäre Mission, das „Warum“ hinter den Abläufen zu erklären. Das Job Characteristics Model (Hackman & Oldham) belegt seit Jahrzehnten, dass die empfundene Sinnhaftigkeit einer Arbeit (Task Significance) dann entsteht, wenn jede einzelne Person sieht, wie ihre Aufgabe das Leben oder die Arbeit anderer beeinflusst.

Nun erlebe ich leider immer wieder das Gegenteil – nennen wir es das „Prinzip Hoffnung“: Aufgaben werden mit einer derartigen Geschwindigkeit über den Zaun geworfen, dass der Kontext auf der Strecke bleibt. Frei nach dem Motto: Mach mal, der Sinn ergibt sich später. Wir delegieren das „Was“, aber die entscheidenden Fragen fallen unter den Tisch:

  • Warum existiert diese Aufgabe überhaupt im Gesamtprozess?

  • Wie profitiert der Endnutzer von dieser Lösung? 

  • Und wie vereinfacht sie den Arbeitsablauf für zukünftige Kollegen?


Wie Purpose zur stärksten Währung in der Wissensarbeit wird


  • Sinn stiftet messbaren Wert: Das Gefühl, nützliche und wertvolle Arbeit zu verrichten (Meaningful Work), ist laut dem mexikanischen Psychologen Humberto Charles-Leija einer der stärksten Prädiktoren für tatsächliches Wohlbefinden. Wer versteht, warum er morgens den Laptop aufklappt, kündigt signifikant seltener.

  • Das abnehmende Paradoxon beim Gehalt: Einkommen ist ein Hygienefaktor, kein dauerhafter Motivator. Studien zur Lebenszufriedenheit zeigen immer wieder: Sobald die Grundbedürfnisse und ein gewisser Lebensstandard gesichert sind, hat die nächste Gehaltserhöhung auf die Motivation nur noch die Halbwertszeit eines guten Espressos. Die These: Echter Purpose schlägt mittelfristig immer das Gehalt.

  • Psychologische Grundbedürfnisse (Self-Determination Theory): Nach Edward Deci und Richard Ryan, zwei renommierten US-Psychologen, basiert menschliche Motivation auf drei Säulen: Autonomie, Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit. Eine als sinnvoll erlebte Tätigkeit bedient genau diese Bedürfnisse und erzeugt intrinsische Motivation – der einzige Zustand, in dem komplexe, kreative Wissensarbeit wirklich funktioniert.



Die Rolle des „Sinn-Architekten“ im Prozess


Sinn ist kein “Nice-to-have” für die Firmenbroschüre, sondern eine ökonomische Schutzimpfung. Wissensintensive Fachkräfte wollen nicht als ausführende Organe behandelt werden. Sie brauchen Rahmenbedingungen, die Autonomie ermöglichen.



 Als Führungskraft kannst du gezielt an drei wissenschaftlich fundierten Hebeln ansetzen:


1. Zwischen Ticket-Wahnsinn und Sinnsuche: Warum wir aufhören müssen, kluge Köpfe wie Excel-Listen zu verwalten. In meinen Augen begreifen gute Führungskräfte ihre Rolle nicht als bloße Kontrolleure von Ressourcen, sondern als intellektuelle Stimulatoren des Teams. Ein anschauliches Praxisbeispiel: Anstatt einem Entwickler nur ein Ticket mit technischen Spezifikationen hinzuknallen, erklärst du ihm das große Ganze. Du zeigst auf, wie dieses Feature der Buchhaltung am Ende des Monats fünf Stunden stumpfe Copy-Paste-Arbeit erspart. Wenn Mitarbeitende verstehen, welchen messbaren Wert sie stiften, wächst ihre intrinsische Motivation und damit ihre Performance – eine Korrelation, die in Wissenssektoren massiv belegt ist.

Wer glaubt, für eine solche Art der Führung brauche man eine seltene genetische Mutation oder das Charisma eines Sektenführers, darf beruhigt sein: Das ist kein angeborenes Talent, sondern ein Handwerk – und zu 100 Prozent erlernbar. In der Psychologie spricht man bei diesem Ansatz vom transformationalen Führungsstil. Es ist die Kunst, Menschen durch Sinn und intellektuelle Anregung über sich selbst hinauswachsen zu lassen.


2. Flow-Bedingungen strategisch gestalten: Warum Reibungsverlust die Produktivität signifikant reduziert. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi definiert den Flow als Zustand völliger Vertiefung. Er entsteht genau dann, wenn die Herausforderung perfekt zu den Fähigkeiten der Person passt. Ist die Aufgabe zu komplex, entsteht Frust; ist der Prozess durch unnötige Bürokratie zäh, entsteht gepflegte Langeweile. Gute Führung bedeutet, als Schneepflug zu agieren: Räum’ administrative Reibungsverluste aus dem Weg, damit dein Team die Chance hat, in diesen hoch produktiven Zustand einzutauchen.


3. Ohne Sicherheit kein Sinn: Warum wir Team-Kultur vor Status-quo stellen müssen. Sinn entsteht selten im luftleeren Raum, sondern im Team. Wir brauchen Psychological Safety (Amy Edmondson) – also das sichere Gefühl, Risiken eingehen und auch mal dumme Fragen stellen zu dürfen, ohne gleich karrieretechnisch geköpft zu werden. Nur wenn der Raum sicher ist, trauen sich Mitarbeitende überhaupt, den Status quo von Prozessen zu hinterfragen und das echte „Warum“ einzufordern, statt einfach stillschweigend Dienst nach Vorschrift zu machen.


Fazit 


Glück und Sinn am Arbeitsplatz sind keine esoterische Kumbaya-Runde im Stuhlkreis, sondern knallharte Wettbewerbsvorteile. Unternehmen, die Sinnhaftigkeit tief in ihre operative Prozessgestaltung integrieren, halten ihre Top-Talente länger und erreichen eine nachweislich höhere Performance. 

Du hast Lust auf genaue Zahlen? Weiter unten liste ich dir die drei bekanntesten Studien zu diesem Thema auf. 


Wir müssen aufhören, kluge Köpfe in starre, bedeutungslose Prozesse zu pressen. Stattdessen sollten Führungskräfte ihre individuellen Stärken identifizieren, diese in einen verständlichen Gesamtkontext setzen und den tatsächlichen Mehrwert ihrer Arbeit mit Vehemenz kommunizieren.


Erst zuhören, dann gemeinsam zünden

Theorie ist das eine, der „Schneepflug“ im echten Business-Alltag das andere. Falls ihr eure Prozesse so gestalten wollt, dass eure klugen Köpfe endlich wieder in den Flow kommen (ohne dass ihr zum Sektenführer mutieren müsst), begleiten wir euch gerne dabei. Wenn ihr Lust auf einen Austausch ohne „Sales-Pitch“, aber mit viel Substanz habt, freuen wir uns auf eure Nachricht und ein erstes Kennenlernen - Wir hören gerne erstmal zu. 



Literaturverzeichnis mit Quellen und Studien


  • Das 400-Prozent-Phänomen (Der „Adam-Grant-Effekt“): Der Organisationspsychologe Adam Grant führte ein mittlerweile berühmtes Feldexperiment durch. Er untersuchte Mitarbeitende, deren Job es war, telefonisch Spendengelder einzusammeln. Als er eine Gruppe auch nur für fünf Minuten mit einem Menschen zusammenbrachte, dessen Leben durch diese Spenden verändert wurde (Sinnhaftigkeit / Task Significance), passierte Erstaunliches: Diese Gruppe verbrachte plötzlich 142 % mehr Zeit am Telefon und generierte satte 400 % mehr Umsatz als die Kontrollgruppe. Wenn das „Warum“ klar ist, explodiert die Ausdauer.

  • 90 Prozent würden auf Geld verzichten: Eine in der Harvard Business Review veröffentlichte Studie von Shawn Achor und Kollegen (basierend auf psychologischen Datensätzen) zeigt, wie drastisch das Gehalts-Paradoxon wirklich ist: 9 von 10 Angestellten (90 %) gaben an, dass sie für dauerhaft sinnhaftere Arbeit auf einen signifikanten Teil ihres Gehalts verzichten würden – im Durchschnitt waren sie bereit, 23 % ihres zukünftigen Lebenseinkommens für echten Purpose einzutauschen.

  • 31 % produktiver durch „Eudaimonia“: Meta-Studien aus der Positiven Psychologie (u.a. von Lyubomirsky et al.) belegen, dass das menschliche Gehirn im Zustand von echtem Wohlbefinden und Sinnerfüllung schlichtweg anders funktioniert. Ein „sinnerfülltes Gehirn“ ist im Schnitt 31 % produktiver und zeigt eine bis zu 300 % höhere Innovations- und Problemlösungsrate im Vergleich zu einem Gehirn, das im neutralen oder gestressten „Dienst-nach-Vorschrift“-Modus feststeckt.


Quellen


  • Bass, B. M., & Riggio, R. E. (2006). Transformational Leadership (2nd ed.). Lawrence Erlbaum Associates. (Neu hinzugefügt für den Führungspart)

  • Charles-Leija, H., Castro, C. G., Toledo, M., & Ballesteros-Valdés, R. (2023). Meaningful Work, Happiness at Work, and Turnover Intentions. International Journal of Environmental Research and Public Health, 20(3565).

  • Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), 227-268. (Neu hinzugefügt für die psychologischen Bedürfnisse)

  • Hackman, J. R., & Oldham, G. R. (1976). Motivation through the design of work: Test of a theory. Organizational Behavior and Human Performance, 16(2), 250-279. (Neu hinzugefügt für Prozess-Transparenz)

  • Salas-Vallina, A., Alegre, J., & Fernández Guerrero, R. (2018). Happiness at work in knowledge-intensive contexts: Opening the research agenda. European Research on Management and Business Economics, 24, 149-159.

  • Saritha, S. R., & Mukherjee, U. (2024). Happiness at Workplace - A Systematic Literature Review. International Journal of Research in Engineering, Science and Management, 7(5), 38-44.

  • Tunsi, W., & Bhalla, P. (2023). Study of Impact of Happiness at Workplace on Work Performance Among the Executives in IT Sector. Information Sciences Letters, 12(10), 2679-2692.

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